Gretl, unser Idol

Von Walli Richter
Gretl Hajek

Ich habe den Rattenfänger kennen gelernt, besser: eine Fängerin.
Wie weiland jener in Hameln konnte die seinerzeitige SdJ-Bundesmädelführerin und Erzieherin am Heiligenhof, Gretl Hajek, Kinder in großen Scharen überall hinführen, wohin sie wollte: Zum Volkstanz rund um den Sportplatz am Heiligenhof folgten sie ihr ebenso willig wie zum Waschen an eine Quelle.

Der Heiligenhof hatte damals nämlich nur einen Brunnen und der ist 107 Meter tief; das erklärten wir jeder Gruppe in den Kinderfreizeiten eindringlich. Am Heiligenhof musste man Wasser sparen, drum führten wir sie zum Waschen oft an die Quelle.

Also Gretl konnte das, Gretl konnte Kinder einfangen, wie weiland der Rattenfänger. Mit ihr sangen sie wie die Vögel, auch wenn sie mitten im Stimmbruch oder vom Geländespiel heiser waren, und sie tanzten mit Begeisterung in großen Tanzkreisen. Wenn Gretl mit ihrer Quetschkommode kam, liefen ihr alle Kinder nach, die großen und die kleinen.
Gretl Hajek ist eine gottbegnadete Erzieherin. Ich glaube, sie hatte nie Probleme, sich durchzusetzen, auch wenn der Speisesaal vor Kinderstimmen fast auseinanderbrach. Ihre größte Gabe aber war es, so genannte Problemkinder wieder in die Reihe zu kriegen. Und diese Kinder gab es schon, denn in den ersten Heiligenhof-Jahren kamen die Kinder oft noch aus den Notwohnungen der Flüchtlinge, aus der damaligen SbZ und aus Berlin und verarbeiteten in den Ferientagen am Heiligenhof mancherlei seelische Verletzungen.

Wenn der Omnibus am Heiligenhof vorfuhr, meinte man manchmal, er sei leer, weil diese so klein waren, dass sie nicht einmal bis zur Unterkante der Busfenster reichten:
Gretl nahm ihnen schnell ihre Beklommenheit im fremden Haus und in der Masse, putzte Nasen, trocknete Heimwehtränen und machte sie fröhlich. Und wenn eines der Kinder ganz besonders schwierig war, konnte es schon passieren, dass Gretl für so einen kleinen, überdrehten Knirps ein Bett am Sofa in ihrem Zimmer gerichtet hat. Das war das allerletzte Heilmittel und hat immer geholfen.

Mit grossem pädagogischen Geschick hat Gretl uns in den Jugendleiterlehrgängen zu guten Mädelführerinnen ausgebildet. Für die Kindergruppen, die Jungmädelgruppen, die Mädelgruppen war sie zuständig.

Und ihre pädagogischen Anleitungen waren ebenso wirkungsvoll, wie die praktischen. In jedem Monat wurden am Heiligenhof fünf verschiedene Arbeitsbriefe entsprechend den Altersstufen gedruckt und an mehr als tausend Gruppenführer und Mädelführerinnen verschickt.
Die Anleitungen stammten zu einem großen Teil von Gretl Hajek. Hunderte von SdJ-Gruppen wurden mit diesen Arbeitshilfen versorgt, das war Breitenarbeit im besten Sinn.

Gretl Hajek hatte auch die Gabe, an den Heiligenhoftagen immer wieder kleine Feste zu unvergesslichen Höhepunkten zu gestalten.
Wenn die Mädelführerinnen sich in jedem Jahr am Palmsonntag zur Tagung des Mädelarbeitskreises auf dem Heiligenhof trafen, dann waren das unvergessliche Stunden die allen für die Gestaltung ihres persönlichen Lebens und für die Gruppenarbeit viel Anregung gegeben haben.

Wir alle bewunderten die SdJ-Bundesmädelführerin Gretl Hajek sehr.
Ich kenne die Zahl der Helferinnen nicht, die -- um Gretl nachzueifern -- Kindergärtnerin wurden, aber es sind sicher viele. Und um Gretl zu helfen, opferten wir gerne die letzten Urlaubstage.
Viele, die mit ihr zusammen gearbeitet haben, stehen heute noch in freundschaftlichem Kontakt mit Gretl Hajek.



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