Dr. Herbert Fleissner

Dr. Herbert Fleissner

Den gebürtigen Egerer prägten seine Heimat, seine Familie und -- so sagte er -- sein sehr elementares Erleben der Vertreibung. Deshalb seien die ersten Bücher, die er verlegt habe, Bücher über Vertreibung gewesen. Nun wird er keine Bücher mehr verlegen. Friedlich entschlief der großherzige Förderer der SL und Unterstützer dieser Zeitung am 25. November mit 88 Jahren in seinem Haus in München.

Als Herbert Fleissner am 2. Juni 1928 geboren wurde, war die Welt seiner aus dem Vielvölkerstaat der k. u. k. Monarchie stammenden Eltern schon längst nicht mehr in Ordnung. Bis 1918 war sein Vater Beamter bei der Anglo-Österreichischen Bank, die dann zur Anglo-Tschechoslowakischen Bank wurde und 1938 von der Bayerischen Hypothekenbank in München übernommen wurde. Sein Vater hatte wegen seines Berufes und seiner jüdischen Freunde eine kritischere Haltung zum Nationalsozialismus als die meisten sudetendeutschen Zeitgenossen, die unter der Deutschfeindlichkeit der Ersten Tschechoslowakischen Republik litten.

Im November 1945 wurde der 17jährige Herbert bei einer der täglichen tschechischen Razzien auf der Straße festgenommen und in das Uran-Bergwerk in Sankt Joachimsthal verschleppt, das ein berüchtigtes Lager geworden war. Trotz Androhung der Kollektivhaft -- also, dass seine Familie zur Rechenschaft gezogen werde, wenn er fliehe -- flüchtete er zu Verwandten in die Steiermark. Von dort schlug er sich nach Salzburg durch, wo er sein Abitur, die österreichische Matura, nachholte. Danach wollte er in Innsbruck studieren. Fleissner: „Ich wollte versuchen, mit politischen, mit diplomatischen Mitteln -- später wurden es publizistische Mittel -- etwas gegen dieses wie mir schien unannehmbare Unrecht zu tun.“

In Österreich galt er 1947 als staatenlos. Er besaß nur einen Rotkreuz-Paß, mit dem er nicht einmal legal von Salzburg nach Innsbruck kommen konnte. Tirol war französische und Salzburg amerikanische Besatzungszone, und Staatenlose erhielten keine Passierscheine. Über verschlungene Pfade erreichte er dennoch Innsbruck, studierte dort Jura und promovierte 1952.

Anfang der fünfziger Jahre gründete er den Bogen-Verlag. Einer seiner ersten Autoren war Wilhelm Pleyer. In seinem Buch Das Tal der Kindheit beschreibt der sudetendeutsche Autor eine sehr karge Kindheit im Egerland.

Im Laufe der Zeit kamen der Amalthea-Verlag, der Langen-Müller-Verlag, der Universitas-Verlag, der Molden-S.-Seewald-Verlag, Ullstein, Propyläen, der Gebrüder-Mann-Verlag und andere dazu.
In seinem Verlagshaus erschienen zum Thema Vertreibung Fritz Peter Habels Eine politische Legende. Die Massenvertreibung von Tschechen aus dem Sudetengebiet 1938/39 und Die Sudetendeutschen, Friedrich Prinz Geschichte Böhmens 1848-1948, Günter Böddekers Die Flüchtlinge, Herbert Hupkas Bücher über Schlesien, das 1999 neuaufgelegte Schwarzbuch der Vertreibung von Heinz Nawratil, Alfred M. de Zayas Die Anglo-Amerikaner und die Vertreibung der Deutschen und Heimatrecht ist Menschenrecht.

Fleissner verlegte Ernst Noltes Buch Der Europäische Bürgerkrieg, das den Historikerstreit auslöste. Er veröffentlichte Die deutsche Armee, eine Geschichte der Wehrmacht aus der Feder des französischen Historikers Philippe Masson, das Standardwerk Der Zweite Weltkrieg von Günther Dahms, Fahnenflucht, Die Militärgerichtsbarkeit der deutschen Wehrmacht, Die Kollaboration und Deutscher Volkssturm von Franz Seidler sowie Alfred Schickeis Vergessene Zeitgeschichte, Dirk Bavendamms Buch Roosevelts Krieg, Wolfgang Strauss’ Unternehmen Barbarossa und der russische Historikerstreit sowie die Geschichte der Deutschen von Hellmut Diwald.
Zu Fleissners Autoren zählen aber auch Max Brod, Nahum Goldman, Willy Brandt, Simon Wiesenthal, Alexander Solschenizyn, Karlheinz Weißmann und Ephraim Kishon.

Der sich selbst als deutsch-patriotisch bezeichnende Verleger, dem die Freiheit über alles geht, war eine beliebte Zielscheibe all jener, denen genau dies suspekt ist. Fleissner: „Ich glaube, es gibt eine schweigende Mehrheit, sonst hätte ich als Verleger nicht diesen Weg nehmen können, sonst hätte ich es ganz einfach wirtschaftlich nicht geschafft, wenn ich nicht Bücher gemacht hätte, die trotz der Kritik in der veröffentlichten Meinung dennoch von einem breiten Publikum angenommen worden wären.“

Ein Beispiel für Fleissners verlegerische Freiheit sind nicht nur seine politischen und zeitgeschichtlichen Veröffentlichungen, sondern auch die Satiren von Ephraim Kishon. Kishon habe sich 1962 -- so Fleissner -- mehrfach bei einem großen deutschen Verlag beworben. Doch der habe dessen Satiren mit der Begründung abgelehnt, über das jüdische Schicksal könne man keinesfalls humoristisch-satirisch schreiben. Er habe keine Chance gehabt, ins Deutsche übersetzt und dann gedruckt zu werden, weil sich der damalige Zeitgeist von allem distanziert habe, was möglicherweise missverstanden werden könnte. „Diese vorauseilende Political correctness, um den heutigen Begriff zu verwenden, fand ich schon immer lächerlich. Ich habe das niemals akzeptiert.“

Mittlerweile gehören zu seiner Verlagsgruppe Langen Müller Herbig Nymphenburger 16 Verlage. Einst hatte ihm das Trauma der Vertreibung den Impuls gegeben, Verleger zu werden, um etwas zu verändern: „Denn ich habe das Schicksal der Vertreibung nie akzeptiert.“
Im September 2004 zog er sich aus der Geschäftsführung des Verlags zurück, und Tochter Brigitte Fleissner-Mikorey übernahm die Verlagsleitung.

Ein Jahr zuvor hatte ihn Christoph Lindenmeyer vom Bayerischen Rundfunk gefragt: „Haben Sie Sehnsucht nach dem Egerland? Träumen Sie davon?“ Fleissner: „Ich muss Ihnen sagen, dass ich in den ersten Jahren nach der Vertreibung gelitten und nicht nur geträumt habe. Ich habe wirklich gelitten. Das mag sentimental klingen, aber ich habe wirklich Tränen vergossen als junger Mann von 17, 18, 19, 20 Jahren. Ich habe mir damals gesagt: „Es muss doch wohl möglich sein, dass diese Verrücktheiten wie die Vertreibungen und die Ismen überwunden werden können.“ Es ist wunderbar, dass das jetzt in der Europäischen Union noch ein Stück möglicher wird. Ich sage ganz vorsichtig, möglicher“.

Volksgruppensprecher Bernd Posselt erklärte zum Tod Fleissners, dem er nicht nur landsmannschaftlich, sondern auch freundschaftlich verbunden war: „Herbert Fleissner war nicht nur einer der Bedeutendsten in der großen Schar herausragender sudetendeutscher Unternehmer, sondern auch ein tatkräftiger Beweger im Geistesleben unserer Volksgruppe. Bücher waren für ihn nicht nur wirtschaftlicher Erfolg, sondern auch Dokument für die Nachwelt und Treibstoff für die Zukunft. Mit Liebe und Hingabe wählte er Autoren aus, diskutierte mit ihnen die Botschaft ihres Buches, ohne sich allzu sehr in den Inhalt einzumischen, fasste diesen aber meist selbst in einem meisterhaft gewählten Titel zusammen. Das faszinierende, aber sicher nur für eine Minderheit von Spezialisten interessante Buch über die Regierungsfähigkeit Kaiser Ferdinands I. von Österreich, das nachwies, dass dieser nicht schwachsinnig war, wie zuvor in der Literatur behauptet, sondern ein falsch behandelter Epileptiker, entlockte ihm den Ausruf Gerechtigkeit für Ferdinand! Und das nächste Cover war geboren. Widersetzte man sich Fleissners genialen Eingebungen, was einen seiner jährlich bis zu 400 Buchtitel betraf, so war das Werk fast unausweichlich dem Misserfolg geweiht. Er spürte, was ging und was nicht, fast wie ein Wünschelrutengänger die Wasserader.

Obwohl die Palette der von ihm verlegten Bücher von einem Erinnerungsband Willy Brandts bis hin zur Weltliteratur eines Ephraim Kishon reichte, galt seine große Leidenschaft der Geschichte -- insbesondere der habsburgischen, der böhmischen und der des 20. Jahrhunderts. In geschäftlichen Dingen pedantisch und knauserig, wie nur ein Erfolgsverleger sein kann, war er persönlich von einer Maßstäbe setzenden Großzügigkeit, geistigen Weite und Gastfreundschaft. Seine Feste in München, auf seinem Schloss in Südtirol, in Wien und in dem von ihm wenig geliebten Berlin sorgten in den angesagtesten Gesellschaftskreisen für Aufsehen. Beeindruckend war die Liebe zu seiner schlesischen Frau Gisela, die er trotz hohen Alters pflegte und betreute, seit sie schwer erkrankt war. Der Familienmensch hielt auch immer Kontakt zu seinem breitgestreuten Freundeskreis. Er war dort nicht nur Inspirator und faszinierender Gesprächspartner, sondern für viele ein treuer Helfer in den unterschiedlichsten Nöten.

Sein Engagement für seine Sudetendeutsche Volksgruppe, der er als Mitbegründer der Sudetendeutschen Zeitung, als führende Persönlichkeit der SdJ, als Präsidiumsmitglied des Sudetendeutschen Rates und Bundesvorstandsmitglied der SL, als Abgeordneter in der Sudetendeutschen Bundesversammlung, als Verleger und als Sponsor diente, dauerte von frühester Jugend bis zu seinem Tod. Er war ein kluger Ratgeber mit Ecken und Kanten, konnte auch kontrovers handeln und formulieren, überschritt immer wieder Grenzen in verschiedenste Richtungen. Doch wenn man sein Lebenswerk betrachtet, kann man ihm nur großen Dank und tiefen Respekt zollen.

Mag sein, dass Herbert Fleissner im Laufe der Jahre ein wenig vorsichtiger geworden war. Doch seine Liebe zur Heimat blieb ungebrochen. Und ungebrochen war auch seine Liebe zu seiner Frau Gisela und zu seiner Familie, mit der die Landsleute nun um einen genialen Mitstreiter und um einen treuen Freund trauern.



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