Jost Köhler berichtet über seine Erinnerungen an die großen Lager im Dünensand


Sommerlager auf Amrum 1963, 1964, 1965,
Auf dem großen Kniepsand

Von den Lagern in Amrum habe ich nur Erinnerungen ohne schriftliche Aufzeichnungen und Fotos oder Dias, Erinnerungen im Gedächtnis, Erinnerungen an schöne Tage am Wasser bei meist schönem Wetter.
Ich möchte die Erinnerungen an Amrum in einigen Schwerpunkten zusammenfassen:


Das Erlebnis

Die meisten Jugendlichen, es waren immer über 100, waren Landratten, sudetendeutsche, die das Meer noch nie gesehen hatten. Sie wohnten in 10-Mannzelten, die vom Meerwind geschüttelt und gerüttelt wurden. Ein 1o-Mannzelt der Gruppe Fulda ist dem Gruppenleiter Wolf Gütter auf Nimmer-Wiedersehen ins Meer davon geflogen.
Der klare nächtliche Sternenhimmel, das rotierende Leuchtfeuer vom benachbarten Leuchtturm, der Jod- und Algengeruch des Meerwassers, die unbekannten Gefahren der Gezeiten, der weiche, heiße Sand, die Sanddünen durch die man noch toben durfte und die zum Saltospringen verleiteten -- all das waren Eindrücke, die lebendig bleiben.
Aber nicht nur die Eindrücke der neuen Natur sondern auch das Gefühl, mit 100 Freunden schöne Tage verbringen zu können, jeden Tag etwas Neues erleben zu können, blieb unvergesslich. Neue Erlebnisse, neue Töne der Schiffsirenen, neue Gerüche von Algen, Fisch und Wasser, neue sinnliche Eindrücke für Ohren, Augen, Nase und für den ganzen Körper.


Erziehung

Einen Sinn sollte das Lager am Meer ja auch haben. Daß die meisten Jugendlichen mit ihren Gruppenmitgliedern ins Lager kamen, war die Regel.
Aus allen Teilen Westdeutschland, manchmal auch aus Österreich, kamen die Teilnehmer angereist. So war ein Ziel, die Vielfalt der verschiedenen Gruppen und deren Leben kennenzu lernen, erreicht.
Das zweite Ziel war, auch Gemeinsamkeiten zu entwickeln. So begann, der Tag mit einem kleinen Frühsport. Jede und jeder mußte aus seinem Zelt heraus, um zum Sport anzutreten. Der Tag fing gemeinsam an. Auch der morgendliche Kreis um die Fahne mit einer besinnlichen Minute förderte die Gemeinschaft. Für die Lagerordnung und die notwendigen gemeinsamen Dienste -- wie Kartoffelschälen -- hatte jeder Verantwortung zu übernehmen.

Das Tagesprogramm machte jeder mit. Langeweile konnte nicht aufkommen.

Für das Verkrümeln während der Mittagspause zu zweit oder in Grüppchen wurde schnell ein treffender Begriff geprägt: Kuchen spielen, der jedem Amrumer bekannt war und jedem Lagerleiter eine Aufgabe zu bewältigen gab. Trotz der vielen Möglichkeiten Kuchen zu spielen, wurden keine Handlungen bekannt, die die Lagergemeinschaft gestört hätten. Auch Alkohol und Rauchen waren kein Thema.

Eine Aufgabe der Erziehung ist es, Menschen die Fähigkeit zu geben, mit neuen Situationen fertig zu werden. Die Amrumlager boten vielfache Möglichkeit.
Es begann mit der schwierigen Anreise mit Bahn, Bus, Schiff und Inselbähnchen. Die letzte Etappe mußte mit dem Gepäck durch den Sand gewatet werden. Auch mit den vielen neuen Kameraden zurecht zu kommen, war nicht einfach.
Die Primitivität der Unterkunft mit dem ewig rieselnden Sand in allen Klamotten, im Mund, in den Haaren und im Essen, mußte man verkraften. Aber auch das Meer mit Seekrankheit auf der Fahrt nach Helgoland, mit zerschnittenen Füßen auf der Wattwanderung zur Insel Föhr und der Bedrohung durch das Wasser bei Sturm und Gewitter mußte man erst einmal kennenlernen.
Und man mußte lernen, sich unterzuordnen, wenn es den eigenen Interessen auch nicht immer entsprechen mochte.


Heimatkunde , Landeskunde, Menschenkunde

Das Land am Meer- im Meer- zu erkunden, war spannend. Alles war neu. Die Tiere kannte man nicht, die Blumen waren unbekannt, das Wetter war anders als im Binnenland, und das Handeln der Menschen unterschied sich von dem der Binnenländer.
Durch Geländespiele, Quizz, Wattwanderungen , Leuchtturmbesteigungen, Exkursionen auf die Nachbarinseln wurden Horizonte erweitert.

Eine Begegnung auf der Hallig Hooge mit dem pensionierten Lehrer Koch auf Hooge war für viele unvergesslich. Er erzählte vom Leben auf der Hallig mit den Freuden und den Gefahren, die ihm sein Leben beschieden. Seine Ausstrahlungskraft dieses gelebten Lebens ist nicht in Worte zu fassen. Ich habe ihn Jahre später mit einer Gruppe junger Leute auf einer Exkursion am Großglockner wiedergesehen.

Ärgerlich war es für den Gemeindepfarrer von Nebel auf Amrum, als er zum 150. Male im Rahmen einer Inselralley aus dem Mittagsschlaf geklingelt wurde, um die Fragebogennummer ausfüllen zu können, welche Schuhgröße er trägt.

Am versteckten Lagerfeuer -- die Schiffahrt durfte durch das Lagerfeuer nicht irritiert werden -- wurden unzählige Lieder gelernt, die Felix Rauner mit seinem Krankenschwesternchor zur Begeisterung aller einlernte. Klaus Störtebecker war jedem Amrumer in allen Details bekannt. Und die Bunte Kuh von Helgoland hat auch jeder kennen gelernt.
Schwierig für die Helgoland-fahrer war es immer, den Zöllnern und der Lagerleitung klarzumachen, daß die zollfreien Zigaretten und der billige Alkohol wirklich nur für Papa und Opa gekauft worden sind.


Organisation

Die Lager wurden vorbereitet vom Bundesverband der Sudetendeutsehen Jugend, die mit der Grenzlandjugend von Schleswig Holstein zusammen das Zeltlager betrieb.
Zum Zeltlager gehörte eine Küchenbaracke, ein großer Tagesraum, Krankenzimmer, sanitäre Anlagen, ein Doktor, der alles mit jodhaltigem Meereswasser kurierte und ein unendlich langer Sandstrand, auf den sich selten Touristen verirrten, weil er weit weg vom nächsten Ort lag.
Das Lager mußte aufgegeben werden, weil die Gemeinde Amrum auf diesem Zeltlagerplatz Der große Kniepsand einen FKK-Strand anlegte.


Was blieb

Die Erinnerung an schöne Tage, an Freunde, die man damals kennen lernte und immer wieder einmal sah, sei es im Skilager auf der Wilhelmine oder im Grenzlandlager in Gaisthal.
Es waren allwetterfeste Leute, die den Kern der SdJ-Arbeit trugen und vielleicht in Zukunft auch helfen, die Politik der Sudetendeutschen zu entwickeln.

 

Unterschrift
(Jost Köhler)

 



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