Unsere Liebe Frau im Walde

gelegen am Gampenpass in Südtirol


Die SdJ-Kreisgruppe Frankfurt mietete ab 1960 mehrere Jahre lang ein altes Bauernhaus vom Gastwirt Johann Piazzi und gestaltete es zum Jugendheim um.

Das Haus wurde selbst bewirtschaftet.

Die Frankfurter bauten an einem nahe gelegenen Hang einen Skilift auf, dessen Teile sie komplett aus Deutschland einführten.

Hier fanden 30 Jugendliche während der Oster-, Sommer- und Winterlager Platz.

Das Heim war auch offen für andere Gruppen und einzelne Teilnehmer aus dem Bundesgebiet und Österreich.


Ein Vorposten an der Sprachgrenze

Das Anwesen, bei den Einheimischen als Jagerhaus bekannt, war ursprünglich das Elternhaus des Vermieters. Es hatte schon länger leer gestanden und diente gelegentlich Bergwanderern und Schulklassen als einfache Selbstversorger-Hütte.
Von einer sudetendeutschen Lehrerin aus Tübingen kam deshalb auch 1959 der entscheidende Hinweis.

Das Jagerhaus befindet sich eine knappe halbe Wegstunde entfernt oberhalb des kleinen, aber beliebten Wallfahrtsortes Unsere liebe Frau im Walde (Madonna di Senale).
Die Lage des Hauses ist idyllisch inmitten einer auf 1400 Metern gelegenen Alm am Fuße der zur Ortlergruppe gehörenden Laugenspitze (2.300 m).

Über den Gampenpass führt eine kurvenreiche Alpenstraße, die Meran mit dem Kalterer See verbindet.
Am Pass und durch das Hochtal Nonnsberg verläuft die Sprachgrenze und zugleich die Grenzlinie zwischen der Autonomen Provinz Bozen und dem italienischen Trentino. Die drei deutschen Dörfer, wie die Südtiroler sagen, sind so etwas wie eine Sprachinsel im italienischen Umland.

Während heute das Zusammenleben der beiden Sprachgruppen weitgehend entspannt verläuft, gab es in den sechziger Jahren noch deutliche Benachteiligungen der deutschen Seite.
So war es zum Beispiel verboten, vor dem Jagerhaus eine sudetendeutsche Fahne aufzuziehen ohne gleichzeitig die italienische Staatsflagge zu hissen.
Es erwies sich auch, dass die Dorfbewohner und vor allem die schulpflichtigen Kinder seinerzeit mit deutscher Literatur nur unzureichend ausgestattet waren. Vor jeder Fahrt nach Unsere liebe Frau im Walde wurden deshalb Bücher und auch Kleidung gesammelt, um sie an die neuen Nachbarn in Südtirol zu verteilen.


Amtlich genehmigtes Jugendbergheim

Beim Ausbau des alten Bauernhauses zum Jugendbergheim waren eine Reihe von bürokratischen Hürden zu nehmen und erhebliche Beträge an Gebühren und jährlich fällig werdenden Steuern zu leisten. Aber der Ausbau lohnte sich.
Es entstanden neue Waschräume und Toiletten, die Böden wurden überall mit farbigem Stragula belegt und die Schlafräume mit soliden Stockbetten ausgestattet.

Vieles konnte durch zahlreiche Arbeitseinsätze in Eigenhilfe geschaffen werden, aber auch das heimische Handwerk war beteiligt. So wurde ein künstlerisch talentierter Tischler beauftragt, für Aufenthaltsraum und Küche Original Tiroler Möbel anzufertigen.

Der Vermieter entschloss sich seinerseits, auf der Wiese vor dem Haus ein großes Wasserbecken für landwirtschaftliche Bewässerungszwecke zu bauen, das an heißen Tagen zum Schwimmen genutzt werden konnte.


Ein Skilift gerät unter Verdacht

Die Teilnehmer an den Winterfreizeiten mussten dagegen damals ziemlich weit fahren, um Skigebiete mit Liften nutzen zu können. Deshalb verabredeten die Frankfurter mit einigen Wiesenbesitzern, auf einem geeigneten Hang nahe des Heimes einen eigenen kleinen Skilift zu bauen.
Motor, Kabel und alle anderen erforderlichen Bauteile wurden komplett in Deutschland beschafft und mit einem Kleinbus nach Südtirol transportiert.
Doch an der Brennergrenze, damals noch mit Schlagbäumen gut gesichert, drohte das Vorhaben an den italienischen Zollkontrollen zu scheitern. Obwohl eine Einfuhrgenehmigung vorgelegt werden konnte, waren lange und zähe Verhandlungen notwendig, um eine Freigabe zu bekommen.

Das Misstrauen der Zöllner und Karabinieri wurde vor allem dadurch geweckt, dass zu jener Zeit in Südtirol Sprengstoffanschläge auf Militärkasernen und Hochspannungsmasten verübt wurden. Einige Bumbser wollten damit den ins Stocken geratenen Autonomie-Verhandlungen einen gewaltsamen Anstoß geben.
Der Skilift konnte dagegen am Ende auf der Alm zum friedlichen Einsatz kommen.

Überhaupt hatte sich im kleinen Wallfahrtsort bald ein gut nachbarschaftliches Verhältnis zwischen den Einheimischen und den Gästen entwickelt. Kleine Geschenke wie Bücher und Kleidung erhielten die Freundschaft. Einladungen zu Gesprächsrunden im Heim zeigten immer wieder, dass es zwischen Sudetendeutschen und Südtirolern viele Parallelen gibt.

Bei allem Einvernehmen ließ es sich nicht ganz vermeiden, dass es gelegentlich menschelte.
So hatte es sich bei der männlichen Jugend des Dorfes herumgesprochen, dass sich an heißen Tagen junge Frankfurterinnen auf der Almwiese vor dem Heim im Bikini sonnen. Rein zufällig kam mancher junge Mann auf Blickkontakt vorbei.
Der Pfarrer, dem das zugetragen wurde, nahm dies zum Anlass, um seine Schäfchen von der Kanzel aus vor den Versuchungen aus den sündigen Großstädten zu warnen. Da war zur Buße eifriger Kirchenbesuch aus dem Jagerhaus angesagt.
Was aber den streitbaren Gottesmann letztlich versöhnte, war eine SdJ-Gruppe aus Wels in Österreich, die in der Wallfahrtskirche Lieder aus der Schubertmesse sang.


Stützpunkt für ganz Südtirol

Über den dörflichen Horizont hinaus war das Heim für die SdJ Frankfurt ein Stützpunkt, von dem aus immer wieder Touren in die Dolomiten, die Ortlergruppe, die Meraner Gegend und die Südtiroler Weinstraße unternommen wurden.
Auf diese Weise fand auch ein schöner Brauch seine Fortsetzung, der den Frankfurtern schon seit Mitte der fünfziger Jahre heilig war. Jedes Jahr in den Herbstferien ging es zunächst mit Rucksack und Seil auf erlebnisreiche Bergtour und anschließend zum Arbeitseinsatz bei Südtiroler Freunden.
Das konnte z.B. Mithilfe bei der Weinlese am Kalterer See sein.
Ein andermal half eine Gruppe mit beim Bau des ersten deutschen Kindergartens in Magreid im Bozener Unterland. Dieser Kontakt wurde von unserem südtiroler Freund Pepi Ranigler aus Margreid, den wir vom Grenzlandlager auf Amrum kannten, hergestellt.

Auch anderen Gruppen stand das von den Frankfurtern unterhaltene Heim in Unsere liebe Frau im Walde offen.

Im Sommer 1963 führte die SdJ auf Bundesebene dort ein großes Lager durch.

Nacheinander kamen von den SdJ-Landes- und Bezirksgruppen junge Menschen ins Jagerhaus und hielten sich dort jeweils eine Woche auf.
Sie erhielten eine umfassende Information über die kulturelle, wirtschaftliche und politische Lage der Südtiroler. Danach fuhren sie für eine Woche in ein südtiroler Bergdorf und halfen den Bergbauern bei der Ernte.


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